Saisonvorbereitung der Bundesliga und die Eingeweideschau

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Sportjournalisten haben es nicht leicht, die Saison vorbereitend zu analysieren ...
Sportjournalisten haben es nicht leicht, die Saison vorbereitend zu analysieren ...

Die Bundesliga geht in die Vorbereitung für die neue Saison und alle Augen, Kameras, Journalistenstifte erfassen minutiös sämtliche Anzeichen mit dem Ziel, vorherzusehen, was die neue Saison bringt.

Das ist nichts neues.
In der Geschichte gab es kaum ein Volk, das nicht versuchte, in die Zukunft zu blicken. Die Azteken opferten Gefangene, um fröhlich die Eingeweide herauszureißen, damit der Erfolg für die Landwirtschaft sichergestellt war.
Bei dem Ballspiel der Azteken wurde die Verlierermannschaft vollständig abgeschlachtet und den Göttern geopfert, was als große Ehre galt und nicht etwa als Ansporn zu siegen!

Es ist kaum anzunehmen, dass die Bundesligavereine künftig Stufenpyramiden bauen, um von der Spitze vor den versammelten Ultras ausgesuchten Personen das Herz herauszureißen, damit eine sorgenfreie Saison sichergestellt ist. Auch eine Opferung von Verlierermannschaften am Ende der Saison (die Buchstaben H-S-V fallen einem dabei wie von selbst ein) ist keine Neuerung, die von der DFL angestrebt wird.
Allerdings wird jeder Schritt jedes Spielers, jedes Augenrunzeln des Trainers und jede Formulierung von Sportdirektoren von Sprachwissenschaftlern (mit fachlicher Chirurgie) und Sportjournalisten (mit meist steinzeitlicher Keulenrhetorik) seziert, um den so kostbaren Blick in die Zukunft zu wagen.

Der bayrische Vorzeige-Nuschler der Nation, Bastian Schweinsteiger, geht von Bord des weißblauen Brezelschiffs und ein Wehklagen erhebt sich, dessen Gejammer durch alle Boulevardblätter raschelt wie ein Weißbier-Tsunami.
Pep Guardiola wird als „Schweinsteigerschlächter“ hingestellt, dem Sportdirektor Sammer wird Unfähigkeit vorgeworfen, weil er Schweinsteiger nicht gehalten hat und keiner ahnt, dass alles zum Plan des „Conquistadors“ Pep Guardiola gehört. Schon wird von einer umfassenden Krise des Rekordmeisters gesprochen.

Der HSV gewinnt ein Vorbereitungsturnier und somit einen Titel, der ungefähr so bedeutend ist wie der jährliche Papayaschnitzwettbewerb im brasilianischen Regenwald. Natürlich wird dieser grandiose Sieg als gerechtfertigter Ansatz genommen, um die neuen Saisonziele des HSV* zu formulieren: Champions-League aufwärts – hanseatische Bescheidenheit, wie man sie kennt und die jene Grundlage für ein umfassendes Versagenserlebnis liefert, wie wir es hämisch genießen werden.

Aztekischer Priester hält Eingeweide hoch: "Ja, das sieht mir eindeutig nach einer Niederlage des HSV aus". Für eine solche Erkenntnis musste das Opfer sicher nicht sterben.
Aztekischer Priester hält Eingeweide hoch: „Ja, das sieht mir eindeutig nach einer Niederlage des HSV* aus“. Für eine solche Erkenntnis musste das Opfer sicher nicht sterben.

Der neue Ersatztorwart des FC Bayern, Sven Ulreich, sucht sich sein Lieblingssitzkissen für die Ersatzbank aus und ein ganzes Heer von Psychologen versucht anhand der Webstoffe und Farbwahl zu interpretieren, ob Ulreich sich mit dem Dauerurlaub abgefunden hat oder sich ein neuer Krisenherd bei den kriselnden Bayern öffnet.

Der neue Torwart des VfB Stuttgart*, Mitchell Langerak, verletzt sich – Stuttgart wird dadurch vom Europaleague-Kandidaten zum Abstiegsfavoriten. Aber der neue Trainer Zorniger kündigt an, es werde wild zugehen, woraufhin sie wieder als Meisterfavorit gelten, der aus dem Stahlbad der verletzten Spieler mit glühendheiß motivierten Seelen zum Titel pressen wird.

Riberys Wehwehchen werden diskutiert, die Gliedmaßen anderer Spieler ebenso – von Muskelbündelrissen über Knorpelverletzungen bis hin zu entzündeten Schambeinen und Kreuzbändern. Die Eingeweideschau unserer Vorfahren zur Weissagung der Zukunft ist als nahezu identisch mit den heutigen Methoden zu betrachten.

Die Parallelen gehen sogar noch weiter, denn ebenso unverrückbar konstant wie heutige Pressekommentare waren auch die Weissagungen in der Antike, wie beispielsweise der Pythia – der Priesterin des Orakels von Delphi. Unter epileptischen Zuckungen im Dampf von halluzinogenen Dämpfen äußerte sie wirre Worte, die kaum jemand verstand.
Heutige Sportjournalisten stehen dem in nichts nach, nur ihre Außenwirkung lässt zu wünschen übrig. Denn wo früher das Göttliche gegenüber einer Aussage legitimierend wirkte, sind es heute Augenzeugenschaft und pseudowissenschaftliche Halbbildung. Da wünscht man sich doch Youtube-Videos von Redakteuren, die unter halluzinogenen Dämpfen mit rollenden Augen, in denen nur noch das Weiß der Zukunft leuchtet, Weissagungen über die Platzierung von Borussia Dortmund* faseln – zumal der Tuchelsche Heiland nach dem Kloppogeddon dort wandelt.

Am Ende der mehrwöchigen Eingeweideschau der 18 Vereine werden wir dann genau Bescheid zu wissen glauben, wer absteigt und wer Meister wird, dass das Durchspielen der gesamten Saison eigentlich nur noch auf einen langweiligen, formalen Akt reduziert wird, der der Vollständigkeit physikalischer Zeitkonstanten halber notwendig ist.
Und dann kommt der erste Spieltag und Ergebnisse, die so wahnwitzig zielsicher den Vorhersagen widersprechen werden, dass wir uns letztlich mit einem zufriedenen Lächeln zurücklehnen in der Gewissheit, dass nichts vorhersagbar ist. Der Mensch will nämlich in manchen Dingen unbedingt enttäuscht werden.




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