Was Sie als Mann nie über den Kauf von Binden wissen wollten

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Vorsicht! Der Bindenkauf birgt für Männer viele Gefahren. © Hintergrundbild: Jan Hagelskampf1 auf commons.wikimedia.org, Lizenz: CC BY 4.0.
Vorsicht! Der Bindenkauf birgt für Männer viele Gefahren. © Hintergrundbild: Jan Hagelskampf1 auf commons.wikimedia.org, Lizenz: CC BY 4.0.

Es war ein Tag wie jeder andere, so harmlos wie jeder Horrorfilm anfängt, bevor die Eskalationsstufen einsetzen.
Dennoch hatte ich die ganze Zeit über ein unbestimmtes Gefühl der Drohung und Gefahr, die über mir schwebte, ohne dass ich mir erklären konnte, woher dieses stammte. Ich beschloss also, dieses Gefühl zu ignorieren und begann mein Tagewerk an diesem freien Tag. Ja, ich wählte sogar die Hausarbeit als viel zu oft verdrängte missliebige Tätigkeit, sodass meine Frau nicht schlecht staunte. Doch das bedrohliche Gefühl blieb trotz der inflationär erzwungenen Normalität.

Das Betreten des Supermarktdungeons

Der Tag schritt voran und ich begann allmählich, mich für meinen Aberglauben zu schelten. Gut gelaunt beschloss ich, mich mit einem Einkauf von „Männersachen“ im Supermarkt selbst zu belohnen und abzulenken.
Kurz bevor ich das Haus verlassen konnte, rief ich meiner Frau zu „Schatz, ich fahr schnell zum Supermarkt und bin gleich wieder da“, wohl wissend, dass der typische Männereinkauf mit laserzielgerichteter Effizienz 20 Minuten dauert, wo Frauen boulevardmäandrierend geschlagene 2 Stunden benötigen.
„Bringst du mir bitte Binden mit?“, kam es aus dem Hintergrund.
In meinem Kopf setzte eine ähnliche Musik ein wie in der Szene, wo Anthony Perkins sich in einem Badezimmer einer duschenden Dame nähert. Da war es wieder, das bedrohliche Gefühl! Aber  es war nicht einfach schleichend gekommen, nein es platzte wie ein infernalisch brüllender Tyrannosaurus durch die seidenen Schutzwänder meiner zarten Seele.
„Was denn für Binden?“, fragte ich und es misslang mir, das Zittern in meiner Stimme zu unterdrücken.
„Na ja, ganz normale halt, nichts besonderes. Eine Packung bitte nur. Danke dir, mein Schatz“.
Verunsichert verließ ich das Haus, aber rief mich auf dem Weg zum Auto zur Ordnung. So schwer konnte es nicht sein, Frauenbinden zu kaufen. Und den Spott der Blicke anderer Männer, die Junggesellen waren und ein Liebesleben hatten, für das mancher Scheich seinen Palast verkauft hätte, ist man als langjähriger Ehemann ohnehin gewöhnt.

Beim Supermarkt angekommen, war der Entschluss gefasst, gleich sofort in die Höhle des Löwen zu braken und die ehemännliche Pflichtaufgabe sogleich hinter mich zu bringen.
Nicht ohne Wehmut blickte ich an der in der Ferne lockenden Technikabteilung mit den beruhigenden LED-Lichtern und glänzenden Oberflächen vorbei und betrat die Welt der Frauen.

Vorbei an der bonbonfarbenen Babyabteilung mit dermaßen auf krampfhafte Fröhlichkeit modellierten Puppen, dass jeder pädophile Serienkiller seine helle Freude daran gehabt hätte fand ich schließlich die Bindenregale.
Im Hintergrund waren Poster von glücklich lächelnden Frauen angebracht, die vermittelten, dass es nichts Freudenspendenderes gäbe als die monatlichen Blutungen. Mit einem Schaudern blickte ich auf die Auswahl an Binden*. Und blickte weiter nach rechts. Und weiter. Und nach oben.

Terminatorische Jagdeffizienz: Wo sind die "normalen" Binden? © <a target="_blank" href="https://www.flickr.com/photos/qso4you/30295904581/"><a target="_blank" href="http://www.qso4you.com/">QSO4YOU auf flickr.com</a>, Lizenz: <a target="_blank" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/"> CC BY-SA 2.0</a>.
Terminatorische Jagdeffizienz: Wo sind die „normalen“ Binden? © QSO4YOU auf flickr.com, Lizenz: CC BY-SA 2.0.

Der Anblick endloser Bindenpackungen ließ Armeen von Frauen vor meinem inneren Auge vorbeimarschieren, die durch Millionen Liter Blut waten und dabei fröhlich grinsen.
Ich schüttelte mich, doch das Gefühl des Grauens wurde lediglich von umfassender Verzweiflung abgelöst. Ich erinnerte mich an die Aussage meiner Frau „Ganz normale Binden*„. Tief atmete ich ein. So schwer konnte das ja nicht sein! Ich scannte das Regal wie ein Terminator, wenn auch ein verzweifelter, auf der Suche nach den normalsten Binden, die ich finden konnte.
Doch die auf den Bindenpackungen aufgedruckten Informationen, die eigentlich die Auswahl erleichtern sollten, schrien mir entgegen: Always! (Blutungen für immer!), Facelle (sind das mir bisher unbekannte Details weiblicher Geschlechtsorgane?), Molfina (ist das nur für Übergewichtige?), Jessa! (vermutlich ein Ausruf, wenn die Binde vollgeblutet ist). Verwirrt blickte ich auf das Kleingedruckte. „Long 10“. Handwerkerwissen assoziierend fragte ich mich nun, ob es sich hier um eine Größenangabe handelte, so wie ein 10er Schlüssel größer ist als ein 8er.
Was ein Mann nicht versteht, zerstört er normalerweise. Ich beschloss, Abstand davon zu nehmen, das gesamte Regal zusammenzutreten und ignorierte nun alles, was ich nicht verstand.

Eine Frage der Kleinstgröße

Meine irrlichternden Terminatoraugen, die langsam zu tränen begannen, blieben auf einer weiteren der tausenden Informationen in Kleinschrift kleben, in der Hoffnung, „normale“ Binden für meine bessere Hälfte zu finden.
„100% Protection“ stand da. Logisch. Wieso sollte eine Binde* 50% „Protection“ bieten? Im Geiste sehe ich zwei Frauen, von denen die eine durch die Hose blutet und die andere empathisch ihr die Hand auf den Arm legt. „Ach du bist heute mit 50% Protection unterwegs?“ – „Ja, mir war heute danach, die Allmutter zu ehren und mich mit meiner Weiblichkeit mehr zu outen“. Die andere hebt entzückt die Hand vor den Mund. „Du bist so mutig, Süße“. Und dann umarmen sich beide.
An dieser Stelle setzt wieder die Anthony Perkins-Musik ein.
„Kann ich Ihnen helfen?“
Ich schrecke zusammen und drehe mich mit Herzrasen um. Eine Supermarktangestellte steht dienstbeflissen neben mir und mustert mich insgeheim mit dem typischen Blick einer Frau, die männliche Verzweiflung gewittert hat. Irritierenderweise wirkt sie gar nicht wie die glücklich lächelnden Bindenmodels, sondern eher wie eine vorzeitig gealterte Toilettenfrau einer Ost-Tankstelle.

Egal! Auf einer theoretischen Ebene weiß ich, dass auch diese hilfsbereite Seele in die Kategorie „Frau“ gehört und spüre angesichts meiner machoesken Gedanken kurz einen Hauch von Schuldgefühl. Dann überkommt mich ein Gefühl der Erleichterung und die Toilettenfrau verwandelt sich in einen Rettungsengel. Mit ihrer Fachhilfe werde ich in 30 Sekunden hier fertig sein und kann in die Technikabteilung flüchten, um mich ausgiebig zu beruhigen.

„Ja, ich suche normale Binden“, sage ich etwas zu hektisch. „Für meine Frau“, füge ich hinzu und komme mir total dämlich vor. Logisch, dass die nicht für mich sind.

Augen auf beim Bindenkauf! Merke: Es gibt nur Kleinstgrößen.
Augen auf beim Bindenkauf! Merke: Es gibt nur Kleinstgrößen.

Die Supermarktfachkraft nickt. Und ignoriert dann meine Angabe nach „normalen“ Binden*. „Nun …“, beginnt sie und legt ihre Hände zu einer merkelschen Raute zusammen. Mich schaudert. „Welche Größe benötigt denn Ihre Frau?“.
Ich blinzele. Und gehe die Frage in Gedanken durch. „Äh. Normale?“

„Ich verstehe“, sagt die Supermarktfrau. Selten kam ich mir kleiner vor.
„Also Größe XS“, stellt sie fest.
„Nein, nein, nicht eine kleine, sondern normale Größe“.
„XS ist normal“.
Ich blinzele wieder. „Aber XS ist doch bei Bekleidung besonders klein?“
Die Angestellte runzelt die Stirn, als sie männliche, anthropoide Denkweisen zurückübersetzt in die weibliche Komplexität einer degenerierten Zivilisationsgesellschaft. Sie lächelt. „Nein, bei Binden ist das etwas anderes. Wissen Sie, es gibt nur XS für normale Größen, XXS für kleine und S für … größere.“
Vor meinem inneren Auge sehe ich eine Gruppe erfolgloser Weight Watchers-Teilnehmerinnen vor diesem Regal stehen, wie sie nach Miniaturgröße klingende, aber nach Wandteppichen aussehende S-Größen kaufen. Und verstehe alles, was man über die Psychologie von Frauen wissen muss …
„Gut, XS also.“ Endlich am Ziel.

Von obstfarbenen Mantarochen

„Welche Farbe soll es denn sein?“, beginnt die Befragung von vorne, die ich bereits für beendet hielt.
Ich stutze kurz und gehe das verwirrende Sammelsurium von Farben durch, die meine Frau üblicherweise nutzt und begreife, dass dies von Kleidungsvariationen abhängt, vom Wetter*, von der Jahreszeit, von Stimmungen und vielen weiteren überflüssigen Aspekten inflationärer Oberflächlichkeit.
„Äh. Normal?“, frage ich und schaue mich verunsichert um. Ein Kunde in der Nebenabteilung für Männerparfüm blickt über den Regalrand und unsere Blicke begegnen sich. Er grinst hämisch. Ich werde wütend. Wer solchen Mist kauft, muss sicher wie ein Iltis stinken. So eine Lusche!
„Normal führen wir nicht“, bringt mich die Stimme der Verkäuferin aus der klingonischen Adrenalinwelt zurück in die weibliche Halbwelt.
„Wir haben hier Creme, Himbeer, Apricot, Flieder, Brombeer, Bordeaux …“
Ich schalte bei der weiteren Aufzählung geistig ab und frage mich, wann die Farben kommen und was Obst und diverse Weine und Blumen mit Farben zu tun haben. Offenbar belegen Frauen völlig logische Farben, die sich aus dem Spektrum des Lichts ergeben oder auch aus RGB-Werten mit Begriffen, die überhaupt nichts damit zu tun haben. Das ist mir zu hoch. Oder zu dämlich.
„Äh. Normal?“, stammele ich.
Die Verkäuferin hebt die Augen kurz gen Himmel, bevor Sie eine Entscheidung für mich trifft. „Also Creme.“
Ich nicke erleichert und erwarte, dass die Frau endlich in das Regal greift und mich von meinen Qualen erlöst. Doch weit gefehlt!

„Mit oder ohne Flügel?“
Mein Gesichtsausdruck verwandelt sich nun in die gleiche glotzende Grimasse, die wohl ein Linkspolitiker aufweist, der feststellt, dass das Frühstücksrührei in der Pfanne ungewollt eine Hakenkreuzform angenommen hat.
„Flügel? Wieso Flügel?“ Mein Entsetzen ist nicht gespielt.

Ist es ein Mantarochen? Ist es eine Binde? Man weiß es nicht.
Ist es ein Mantarochen? Ist es eine Binde? Man weiß es nicht.

Die Verkäuferin nimmt eine Packung Binden aus dem Regal und deutet mit dem anderen Finger auf die aufgedruckte Schemazeichnung. Tatsächlich prangt an den Rändern einer Binde*, die wie ein Teppichläufer für Zwerge aussieht, ein rochenähnlicher Seitenfortsatz, der wie Flügel aussieht. Vor meinen Augen sehe ich blutende Binden, die sich zum Himmel erheben und wie ein Vogelschwarm kreisen. Schwindel erfasst mich.
„Die Flügel kleben an der Haut und ermöglichen eine rutschsichere Position“, erklärt die Verkäuferin geduldig in einem Tonfall, als spreche sie mit einem Idioten. Ich frage mich an dieser Stelle, was wohl Dürrenmatt dazu gesagt hätte.
„Ohne Flügel!“, sage ich bestimmt im Captain-Picard-Modus und der damit verbundenen Gewissheit, absolut keine Ahnung zu haben.
Jetzt werde ich endlich am Ziel meines Produkts sein. Eine peinliche Befragung in der Frühen Neuzeit kann unmöglich schlimmer gewesen sein!

Vegane Duftmarken

„Vegan oder nicht vegan?“, setzt die Supermarktfrau ihr Verhör ungerührt fort.
„Vegan?“, keuche ich. „Ich will die Binde nicht essen!“
Missfallen macht sich auf dem Clementine-Gesicht meiner ungewünschten Beraterin breit. „Wissen Sie, es ist wichtig heutzutage, ob Produkte ökologisch einwandfrei hergestellt werden und die Umwelt nicht belasten!“.
Mein Blick schweift über die gesamte Breite und Höhe der Regalwand mit Myriaden von doppelt verpackten Bindenvariationen mit einzeln eingeschweißten Binden und mir wird langsam klar, warum die Ozeane in Millionen Tonnen Müll ersticken. In den Müllstrudeln der Welt sehe ich grazil Milliarden Binden* wie Rochen in Mahlstromkreisen gleiten.
Ich behalte meinen Sarkasmus jedoch für mich, denn ich will nur noch hier raus!
„Nichtvegan!“, sage ich dennoch in einem Anflug von Widerstand. Oder ist es nur Bockigkeit?

Meine Supermarkt-Aufseherin presst die Lippen aufeinander, dann lächelt sie in der typischen bösartigen Hinterlistigkeit, wie es nur Frauen vermögen.
In geheuchelter Kameradschaftlichkeit sagt sie „Die Saugfähigkeit dürfte klar sein, da nehmen wir gleich 5 von 5 Tropfen“ und weiß, dass ich zustimme. Ich nicke erleichtert, ohne die Bedeutung ihrer Worte überhaupt zu begreifen. Die Verkäuferin wendet sich dem Regal zu und ihre Hand gleitet suchend über die Produkte weiblicher Ingenieurskunst. Endlich! Endlich ist das Ziel nahe!

Weggetreten im Land duftender Frauenbinden.
Weggetreten im Land duftender Frauenbinden.

Dann stutzt die Verkäuferin und wendet sich mir wieder zu. Ich kann ein Schluchzen nicht vermeiden.
„Mit oder ohne Duft?“
Ein hysterisches Lachen entgleitet mir, aber die Verkäuferin lacht nicht mit, stelle ich fest. Ich schaue mich um und suche im Dachgestänge des Supermarkts nach einer versteckten Kamera.
„Das wird hier nicht aufgenommen, oder?“
Die Verkäuferin schaut mich irritiert an. „Wie meinen Sie das?“
Ich winke ab. „Nicht wichtig, vergessen Sie es bitte.“ Auch wenn es keine versteckte Kamera gibt, begreife ich erst jetzt, was Descartes mit seiner Theorie meinte, dass die Welt eine Illusion sei, von einem Dämon erschaffen. Er muss die Frauen sehr gut verstanden haben.
„Ohne Duft, ohne!“ Ich schreie beinahe.
Die Verkäuferin nickt ungerührt. „Es gibt viele interessante Düfte. Zum Beispiel Blumenfrische, Lavendel und …“
„Ohne Duft!“, brülle ich während mir mein Gehirn Duftkombinationen aus Lavendel und Metzgerblutschwaden vorgaukelt.

Am Ziel aller Bindenträume

Die Verkäuferin geht vorsichtig einen Schritt zurück. „Sensitiv?“, fragt sie vorsichtig mit Engelsstimme.
„Was bedeutet das?“, frage ich schwer atmend.
„Das bedeutet, dass die verwendeten Materialen sehr weich sind, um die Haut nicht zu reizen“, erklärt die Binden-Clementine.
„Nein, meine Frau verwendet grundsätzlich gerne Drahtwolle auf der Haut“, gifte ich.
„Also sensitiv“. Die Frau bleibt ungerührt. Ich war wohl nicht ihr erster männlicher Kunde hier.

Tatsächlich greift sie nun zielgerichtet an eine ganz bestimmte Stelle im Regal, zieht eine Packung heraus und drückt sie mir in die Hand. Ich erkenne eine Binde* auf der Verpackung. Ohne Flügel. Sogar ohne glücklich lächelnde Modelfrau. Ich fange zu weinen an, kann mich aber dann fangen.
„Danke!“, wimmere ich.
Die Verkäuferin klopft mir beruhigend auf den Oberarm.

Nach hartem Kampf endlich mit der Bindentrophäe zuhause!
Nach hartem Kampf endlich mit der Bindentrophäe zuhause!

Ich gehe mit beiden Händen die Bindenpackung haltend zur Kasse, völlig mit den Nerven am Ende. Für den eigentlichen Einkauf, den ich vorhatte, habe ich keine Kraft mehr. Wie ich bezahlt habe und nach Hause kam, kann ich nicht mehr erinnern. Erst als ich vor der Haustür stehe, komme ich wieder zu Bewusstsein. Ich blicke auf meine Hand, wo sich verkrampfte Finger immer noch um die Bindenpackung krallen.
Tief durchatmend schließe ich die Tür auf und betrete mein trautes Heim. „Hallo“, rufe ich mit erzwungener Fröhlichkeit.
„Hallo Schatz“, ruft meine Frau aus dem Wohnzimmer. „Hast du an die Binden gedacht?“
„Na logisch“, spiele ich die Souveränität eines Superhelden vor.
Meine Frau kommt mir entgegen, Skepsis im Gesicht.
Stolz übergebe ich ihr die Packung mit den Binden.
Meine bessere Hälfte blickt kurz darauf, dann schüttelt sie den Kopf.
„Das sind die falschen!“




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