Kunstausstellung „Sofeten klatschen“ erschüttert Besucher

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"Sofeten klatschen" - eine postapokalyptische Ausstellung über die globale Klimakatastrophe mit erschütternd intensiven Exponaten.

Aus gegebenen Anlass der schlimmsten globalen Hitzekatastrophe und ihrer Opfer haben internationale Künstler im neu errichteten Kunstmuseum nahe der Zugspitze den tausenden Hitzeflüchtigen einen Hort intellektueller Verarbeitung der jahrezehntelangen Hitzetraumata errichtet. Der Kunstverein „Sofeten klatschen e. V.“ hat mit der gleichnamigen Ausstellung zur Introspektion über die Folgen der Sommerfetischisten (kurz: Sofeten) nach der großen Katastrophe eingeladen und wir sind ihr mit einem Reporterteam gefolgt – in eine der wenigen Exklaven, wo Menschen noch klimatisch begünstigt leben können.

Mitarbeiter der Ausstellung in vorgeschriebener Ausstattung. Nicht im Bild der deutlich sichtbare Aufdruck auf dem Bauchbereich "Endlich wieder frei atmen", © <a href=""http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/" target="_blank" rel="noopener">Hunk-USFU auf deviantart.com</a>, Lizenz: <a href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/" target="_blank" rel="noopener">CC NY-SA 3.0</a>
Mitarbeiter der Ausstellung in vorgeschriebener Ausstattung. Nicht im Bild der deutlich sichtbare Aufdruck auf dem Bauchbereich „Endlich wieder frei atmen“, © Hunk-USFU auf deviantart.com, Lizenz: CC NY-SA 3.0

Bei angenehmen Temperaturen unter 20 Grad können die Besucher auf einem großflächigen Areal in den leider bereits lange schneefreien Bergen anhand von handverlesenen Exponaten ihre Erlebnisse und Ängste verarbeiten. Reporter sehen, wie tausende Besucher immer wieder erschüttert vor den Exponaten stehen und in unfassbarem Entsetzen und Wiedererkennen nicken und auch miteinander ihre seelenmarternden Erfahrungen austauschen.
„Wir kommen aus Tropenhessen und wollten eigentlich nur den sommerlichen 50 Grad entfliehen“, so ein Ehepaar aus Rüsselsheim. „Wir sind dann gefahren, kurz bevor die Straßen durch den schmelzenden Asphalt gesperrt wurden. Aber dass wir hier das Grauen der letzten Jahre veranschaulicht sehen, nimmt viel von dem Schmerz, der auf uns lastet.“
Den Berichterstattern fällt es nicht leicht, ohne Beeinflussung die Kameras laufen zu lassen, denn immer wieder brechen Menschen vor Kunstwerken* zusammen und hier und dort ertönen Schreie.

Es erhob sich Kritik, ob es nötig sein musste, dass auch das Wach- und Hilfspersonal der Ausstellung mit Gasmaske* und einem Brustmotto „Endlich wieder frei atmen“ versehen wurde. Der Pressesprecher des Veranstalters „Sofeten klatschen“ erklärte jedoch, es handle sich schließlich um eine Kunstausstellung und den Zwecken der Kunst sollte alles untergeordnet werden. Immerhin würde das Personal nicht durch die Gasmaske behindert und bisher ist jeder Besucher, der unter der konzentrierten Last der Eindrücke zusammenbrach, professionell in einem Kühlraum versorgt worden.

Die Berichte stimmen nachdenklich und erschüttern sogar. Ein Grund mehr, einen genaueren Blick auf die Ausstellung zu werfen:

Getarnter Ausstellungsplatz (neben der Bushaltestelle): "15. August - der Bus kam nicht" - Gastexponat mit freundlicher Genehmigung von Michael Hoops
Getarnter Ausstellungsplatz (neben der Bushaltestelle): „15. August – der Bus kam nicht“ – Gastexponat mit freundlicher Genehmigung von Michael Hoops

Bushaltestelle: „15. August – Der Bus kam nicht“ von Michael Hoops

Wegweisend und von beschämender Genialität für alle anderen Künstler ist das mittlerweile international berühmte Werk „15. August – Der Bus kam nicht“ von Michael Hoops, das zum Leitsujet einer ganzen, klimakatastrophengeplagten Generation wurde.
Aus naheliegenden Gründen wurde das Kunstwerk neben der Bushaltestelle arrangiert, ohne direkt darauf hinzuweisen, dass es sich um ein Kunstwerk handelt. Letztlich soll im Idealfall die Kunst Teil des Alltags werden, um Einsichten zu gewinnen.
Zugrunde liegt diesem Kunstwerk eine traumatische Augenzeugenschaft in der niedersächsischen Einöde, als der Künstler die tragischen Opfer eines Sommernachmittags während der Klimakatastrophe als erster entdeckte.
Die Gesellschaft „Sofeten klaschen e. V.“ dankt Herrn Michael Hoops ausdrücklich für die Leihgabe.

"In memoriam Sofetus", Paul Nordmann, Außengelände Platz 1, © <a href="https://www.flickr.com/photos/oddsock/1686801637" target="_blank" rel="noopener">Ian Burt auf flickr.com</a>, Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/" target="_blank" rel="noopener">CC BY 2.0</a>
„In memoriam Sofetus“, Paul Nordmann, Außengelände Platz 1, © Ian Burt auf flickr.com, Lizenz: CC BY 2.0

Außengelände Platz 1: „In memoriam Sofetus“ von Paul Nordmann

Paul Nordmann, bekannter Avantgardist vieldeutiger Arrangements, hat in diesem Kunstwerk einige hunderttausend Kloschüsseln* zertrümmert und zu einem Berg angehäuft.
„In memoriam Sofetus“ kennzeichnet diesen Berg als Mahnmal für verstorbene Sommerfetischisten und die Bedeutung ihres Lebens für die Menschheit. Kritiker zweifelten, dass eine Kloschüssel immerhin ein wichtiger Bestandteil des Menschen sei und die Aussage dieses Kunstwerkes daher zu positivistisch sei. Paul Nordmann entgegnete mit den Worten: „Deswegen sind die Kloschüsseln von mir auch zertrümmert worden“.

Außengelände Platz 2: "Nur ein sommerliches Mittagsschläfchen" von Fritjof Kaltschüssel
Außengelände Platz 2: „Nur ein sommerliches Mittagsschläfchen“ von Fritjof Kaltschüssel

Außengelände Platz 2: „Juli 2015 – Nur ein Mittagsschläfchen“ von Fritjof Kaltschüssel

Selbst kritische Kunstkenner zeigten sich von der Intensität dieses Vanitasarrangements von Fritjof Kaltschüssel schwer beeindruckt und lobten die dargestellte Metaphorik der Gefahren heutiger Sommer in Europa. Gleichsam deutet pars pro toto der tragische Mittagsschläfer sowohl von der Müßigkeit der Menschen angesichts einer lebensbedrohlichen Klimakatastrophe und auf das wahrscheinliche Ende.
Man beachte, dass der Mittagsschläfer in den Beton eingesunken ist, was laut Kaltschüssel ein Verweis auf die kommende Hitze der nächsten Jahrzehnte sein wird und ein subtiler Hinweis, dass wir zu den Sünden unserer Selbst zurückkehren werden, eins im Verfall mit den architektonischen Monstrositäten, die ebenso wie ihre Schöpfer auf einer glühenden, toten Erde zerfallen werden.

Außengelände Platz 3: "Sofeten-Herodes" von Tullius Contrasofetus
Außengelände Platz 3: „Sofeten-Herodes“ von Tullius Contrasofetus

Außengelände Platz 3: „Sofeten-Herodes“ von Tullius Contrasofetus

Auch Skulpturen finden sich auf dem Gelände der Ausstellung. Der Künstler Contrasofetus nimmt mit dem „Sofeten-Herodes“ Bezug auf den römischen Kaiser Herodes, der als Kindermörder in die Geschichte einging. Zwar ist mittlerweile Italien unbewohnt, nachdem die Temperaturen die 60 Grad-Grenze überschritten vor einigen Jahren, doch den Künstler hat das Trauma der Klimaflucht nicht losgelassen.

Sein Werk ist eine Anklage gegen jeden Sommerfetischisten, der das Blut der nachfolgenden Generationen auf dem Gewissen hat, weil er einst Sommer und Hitze aus heute nicht mehr nachvollziehbaren, egoistischen und pervertierten Beweggründen einer Zukunft opferte, in der die Erde zur Hälfte überschwemmt und zur Hälfte durch Desertifikation und Hitze unbewohnbar wurde. Der von der Sonne* schwarzgebrannte Sofeten-Herodes wütet dabei gegen Kinder als Symbol unserer Nachkommen, die die Opfer der unsäglichen Generation sind, welche die Erde in beispielloser Verantwortungslosigkeit vernichtet hat.

Vorplatz: "Der unverstandene Sofet" von Fallum Skrotmund
Vorplatz: „Der unverstandene Sofet“ von Fallum Skrotmund

Innenhof: „Der unverstandene Sofet“ von Fallum Skrotmund

Eine weitere Plastik findet sich im Innenhof der Ausstellung. Zentral auf einem Stein sitzt dort ein von der Sonne* widerlich braun gebrannter Mann. Für Laien ist dieses subtile Kunstwerk von Fallum Skrotum… Verzeihung Skrotmund nur schwer zu deuten.
Dem Künstler nach handelt es sich um einen Sofeten, der in der Wüste seines einstigen Heimatlandes als einziger verblieb – verachtet und vergessen von den panisch fliehenden Menschen, die vor Hitze* und Sonne* ihr Leben retten wollten. Erste bewusst angebrachte Risse deuten darauf, dass der „vergessene Sofet“ innerlich an seiner Schuld zerbricht und den Freitod in der Sonne* gewählt hat – eine passende Symbolik. Die Miene drückt eine Mischung aus finaler, aber zu später Erkenntnis, Trauer, Schuld und Resignation aus.

Parkanlage: "Der Baum und der Regentropfen" von Mira Culix
Parkanlage: „Der Baum und der Regentropfen“ von Mira Culix

Parkanlage: „Der Baum und der Regentropfen“ von Mira Culix

Mira Culix, eine Künstlerin, die sich auf eher esoterische und postmoderne Kunst* spezialisiert hat, musste lange um Anerkennung ihrer Kollegen kämpfen. Mit diesem Werk jedoch überzeugte die junge Künstlerin, die dem „Nordischen Druidenzirkel“ angehört, letztlich.
Der ahnungslose Besucher begegnet hier einem großen Baum*, der gleich zwei Botschaften ausdrückt. Zum einen handelt es sich um einen abgeschlagenen Baum, der geradezu wirkt, als sei sein Stamm gnadenlos und ohne Rücksicht abgerissen worden, als sei er ja geradezu „entleibt“ worden, so wie unsere Vorfahren es mit den Bäumen der Erde taten – bis dadurch das Klima* sich in einen zweiten Merkur wandelte und die Bäume starben und vergessen wurden. Nur mit viel technischem Aufwand lassen sich die Bedingungen der früheren „gemäßigten Zone“ Europas auf dem Plateau der Zugspitze simulieren, sodass der Baum inmitten des Parks authentisch wirkt.

Doch die Anthropomorphisierung des Baumes mit einem Gesicht, das ein unfassbares Staunen und Freude ausdrückt, stellt die Hauptbotschaft dar: Der Baum erblickt etwas, das er lange nicht mehr gesehen hat – einen Regentropfen. Seine Freude ist deutlich erkennbar und kann von jedem Menschen in einer desertifizierten Welt geteilt werden. Und so vereint sich in diesem Baum die Scham des Menschen vor seinem Mord an den Bäumen mit der Erkenntnis, dass ihn und uns die Freude über den Regen und das Leben eint und so erst unsere Schuld noch einmal bis zur Unerträglichkeit erhöht. Nicht ohne Grund verzeichnen die Gasmaskenbewehrten Mitarbeiter an diesem Exponat die meisten Zusammenbrüche von Besuchern.

Innenhof: "Angst vor dem Leben" von Loki Eisfreß
Innenhof: „Angst vor dem Leben“ von Loki Eisfreß

Innenhof: „Angst vor dem Leben“ von Loki Eisfreß

Loki Eisfreßs Werk steht ein wenig abseits des zentralen „Der unverstandene Sofet“ und kann leicht übersehen werden. Dies wäre allerdings ein herber Verlust!

Ganz in der Ecke hockt schutzsuchend ein ängstlicher, schwarzgebrannter Sofet unter einem Sonnenschirm*. Eine raffinierte Brunnentechnik lässt Wasser wie Regen herabfallen, vor dem der Sofet ängstlich Schutz sucht, bis sich die gnadenlose Sonne* wieder zeigt.

Erläutern muss man hier, dass der heute übliche Sonnenschirm, der vor der gefährlichen Sonne und Hitze schützt, früher als sog. „Regenschirm*“ verwendet wurde. In früheren Zeiten gab es nämlich noch wöchentlich – so heißt es zumindest -, Regen, der sogar stundenlang vom Himmel fallen konnte! Der ängstliche Sofet steht somit als Sinnbild für eine sinnentleerte Handlung – stellt Regen doch das Symbol des Lebens schlechthin dar und die Hitze, die der schutzsuchende Sofet selbstmörderisch erfleht, genau das Gegenteil dar.
Wir haben bei dem Bericht nicht wenige Besucher laut lachen gesehen vor diesem Kunstwerk, das ob seiner abstrusen Handlungsdarstellung geradezu parodierenden Charakter aufweist. Zwischen den ernsten Exponaten stellt „Angst vor dem Leben“ somit eine willkommene, aber nicht minder tiefe Erfahrung dar auf dieser außergewöhnlichen Kunstausstellung.

Wir mussten an dieser Stelle die Reportage abbrechen, da unser Kameramann, geschüttelt von Gefühlen, in Tränen ausbrach und angesichts des Erblickten nicht mehr arbeitsfähig war.
Es ist nicht übertrieben, wenn wir die kühne Behauptung wagen, dass die Ausstellung „Sofeten klatschen“ des gleichnamigen Kunstvereins sowohl das erlebte Ende der Menschheit dokumentiert, wie auch einen Neuanfang wagt, indem die Fehler und Schrecken vor Augen geführt wurden.

Wir wünschen der Ausstellung viel Erfolg und dass sich die versprengten Reste der Menschheit, Wissenschaftler, Politiker und Bürger, an ihr aufzurichten vermögen und erkennen, wo unser Ziel im Kampf um die Zukunft liegen mag.




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