Die Abenteuer des Kühlschiffs Kaltwetter.com

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Das Kühlraumschiff Kaltwetter.com dringt in Hitze vor, die nie zuvor ein Mensch erlebt hat ...
Das Kühlraumschiff Kaltwetter.com dringt in Hitze vor, die nie zuvor ein Mensch erlebt hat ...

Ofenhessen – unendliche Wüsten. Wir befinden uns in einer grausamen Zukunft. Dies sind die Abenteuer des Kühlschiffs Kaltwetter.com, das viele Lichtjahre von Island entfernt unterwegs ist, um kühle Regionen zu entdecken und sofetische Lebensformen bloßzustellen. Das Kühlschiff dringt dabei in Temperaturen vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.

Die Welt im Jahr 2041

Endlich ist es soweit!
Jahrelange Planung, Finanzierung über dubiose Quellen, Rückschläge durch unvermeidliche Sofetensabotagen – doch jetzt wurde aus unterirdischen Forschungsanlagen mein Kühlschiff geliefert. Mein Auftrag: In der Zeit zurückreisen und herausfinden, wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte.

Wir schreiben das Jahr 2041.

Leider erfolglos: Fehlgeschlagenes Experiment beim Klonen eines Trainers; © kent auf www.flickr.com, Lizenz: CC BY 2.0
Aufgefundenes Skelett eines Sofetenmutanten, der einzigen menschenähnlichen Spezies, die 2041 noch oberirdisch lebt. © kent auf www.flickr.com, Lizenz: CC BY 2.0.

Durch eine galoppierende Klimakatastrophe seit 2015 wurde das Leben auf der Erde zum großen Teil vernichtet. Aufgrund des außer Kontrolle geratenen Treibhauseffekts wurde der überlebende Rest der Menschheit gezwungen, seine Zivilisation unter die Erde zu verlagern und versucht, den Folgen der Klimakatastrophe entgegenzuwirken oder zu überleben, bis sich die Lage in einigen hundert Jahren wieder verbessert.
Nur der sofetische (sommerfetischistische) Anteil der Menschheit lebt noch oberirdisch auf einer merkurähnlichen Oberfläche, wurde jedoch durch die Sonneneinstrahlung genetisch zu Mutanten verändert. Spötter sagen, dass man im Vergleich zu früher bei diesen Kreaturen ohnehin keinen Unterschied entdecken kann.

Die Forschung ist trotz unserer reduzierten Lebensbedingungen eine der Hauptaktivitäten und es überrascht, wie effektiv Menschen sein können, wenn all der unnütze Ballast aus Egoismen, Gier, Krieg und Neid unter dem Druck einer äußeren Gefahr über Bord geworfen wurde. Bei der Kühlforschung wurde mehr aus Zufall als aus Intention der Suprakühlquantenstreamgenerator entwickelt und damit die Zeitreise entdeckt.

Die Reise ins Jahr 2017: Teekesselhorror und Sofetenpolonäse!

Innenraum des Kühlschiffs Kaltwetter.com mit Gefrierboxen.
Innenraum des Kühlschiffs Kaltwetter.com mit Gefrierboxen.

Mir ist etwas mulmig zumute, als ich in das futuristische Gefährt und in die Gefrierboxen* einsteige, aber die Aussicht auf eine kurzfristige erfrischende -300 Grad-Schockfrostung lässt mich nicht lange zögern. Der neurobiologische Quantencomputer mit künstlicher Intelligenz erledigt alles vollautomatisch. Das letzte, was ich vorerst vernehme, ist das Knirschen meiner Venen, als sich die Kälte blitzschnell von den Füßen nach oben ausbreitet und mich für die Zeitreise einfriert.
Mein letzter Gedanke, bevor das Knirschen mein Gehirn erreicht, ist, wo wir wohl landen werden – immerhin hat sich die Erde bis zur Unkenntlichkeit verändert.

Das Plätschern des Tauwassers weckt mich und echot auf abstrus verstärkte Weise in meinen Ohren wieder, als ich wie ein Gletscher in der Klimakatastrophe schmelze. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass ich für die gefährliche Zeitreise den gleichen Weg im Kleinen gehen muss, den die Gletscher im Großen längst gegangen sind. Halt! Jetzt nicht mehr, denn wenn alles planmäßig verlaufen ist, befinden wir uns im Jahr 2017 – mitten in der Klimakatastrophe, kurz bevor die klimatischen Krisen immer schneller in Wellen eintrafen und die Welt unterging.
Die Satellitenpeilung besagt, dass wir uns an der nördlichen Grenze von Ofenhessen befinden, so die einschmeichelnd weibliche, perfekt modulierte Stimme des Computers*. Irgendwo im Niemandsland südlich von Frankfurt am Main, jenseits des Taunus. Die separate Datumsanzeige auf der Konsole zeigt den 15. Juli 2017.

Zischend öffnet sich die Tür. Gleißende, blindmachende Grelle strömt in meine kühle, dunkle Welt und blendet mich. Rasch setze ich die Sonnenbrille* auf. Nach einigen Sekunden beruhigt sich meine Atmung wieder und ich wage den Schritt nach draußen in eine Backofenwelt. Wie ein Hammer schlägt und pulst die Hitze auf mich ein. Sprinklerähnliche* Transpiration verdunstet sofort in der grausamen Hitze und hüllt mich kurzzeitig in eine Aura adibiatischer Schweißkühlung.

Deutliche Warnung an der Grenze zu Ofenhessen. Willkommen im Jahr 2017! Jeder Kessel ist ein Hitzetoter ...
Deutliche Warnung an der Grenze zu Ofenhessen. Willkommen im Jahr 2017! Jeder Kessel ist ein Hitzetoter …

Verwirrt blicke ich um mich und stelle fest, dass es beinahe so heiß wie in der Zukunft ist, aus der ich gekommen bin. Eine wüstenähnliche Landschaft aus verdorrten Bäumen präsentiert sich meinen geschützten Augen. Flirrende Luft verzerrt die Optik über der Erdoberfläche wie in einem Delirium. Von irgendwoher rollt ein Dornenbusch über den Boden an mir vorbei und scheucht eine Eidechse auf, die in der Sonne* vor sich hinbrät.
Die angsteinflößende Stille wird unterbrochen von einem stetigen, leisen Scheppern, das meine Aufmerksamkeit weckt. Nicht weit entfernt entdecke ich ein hölzernes Schild, an dem viele Gegenstände hängen.
Als ich mich nähere, entpuppen sich die Gegenstände als Teekessel*. Eine Seite des Schildes ist für ausländische Besucher auf englisch gehalten und kündet von der „Teekessel-Straßenkreuzung“, die andere Seite erklärt, dass man sich in der Hitzetodeszone von Ofenhessen befindet und Wasser lebenswichtig sei, um diese Region zu durchqueren. Jeder Kessel sei ein Überbleibsel von bedauernswerten Hitzeopfern, die es nicht geschafft haben.
Erschüttert stehe ich vor diesem Mahnmal der Klimakatastrophe und lese die Namen auf den Kesseln – Vorfahren, die ersten Opfer der unmöglichen Zeit, die damals vor den Menschen lag.

Sofetenpolonäse mit akustischer Jürgen Drews-Folter.
Sofetenpolonäse mit akustischer Jürgen Drews-Folter.

Inmitten dieses magischen Momentes trauriger Erkenntnis und leise klirrender Teekessel höre ich hinter mir plötzlich grölende Geräusche. In der allmählich untergehenden Sonne* erkenne ich auf dem nächsten Hügel eine Sofetenpolonäse, deutlich zu erkennen an fremdschämfröhlichen Zuckungen und am Lärm, der sich als eine schräge Variante eines Liedes vom König der Sofeten Jürgen Drews entpuppt. Trotz meines akustischen Ekels gelingt es mir nicht, mich zu bewegen. Wie paralysiert verfolge ich die grotesken Bewegungen der Sofeten, die an einen Hitze-Todestanz wie auf Darstellungen des Mittelalters erinnern. Ob sie ahnen, dass sie alle als hitzedegenerierte Mutanten enden werden? Als ich mich schließlich abwende, ahne ich, dass sie es womöglich schon sind.

Wieder in meinem Kaltwetter.com-Mobil ziehe ich die hermetisch schließende Tür zu und ersetze die 50 Grad heiße Wüstenluft durch angenehme 10 Grad-Frische, bis sich mein Kreislauf wieder stabilisiert hat.
Ich aktiviere den Tarnmodus und schwebe in einigen Metern Höhe über die Landschaft. Trotz der grausamen Hitze wirkt alles noch so anders als im Jahr 2041, aus dem ich komme. Es gibt noch Pflanzen, Tiere, ja sogar nicht verfallene Bauwerke und Menschen. Ich bedaure sie für das, was ihnen bevorstehen wird.

Südhessische Begegnung der vierten Hitzeart: Der sofetische Sonnenkreis

Obszöne Handlungen: Inmitten einer Klimakatastrophe ruft ein sofetischer Sonnenkreis die Sonne herbei.
Obszöne Handlungen: Inmitten einer Klimakatastrophe ruft ein sofetischer Sonnenkreis die Sonne* herbei.

Auf einer Wiese in Südhessen erregt eine kreisförmige Struktur meine Aufmerksamkeit und ich fliege näher. Unsichtbar schwebend stelle ich überrascht fest, dass es sich um Menschen handelt, die einen Kreis bilden. Verwirrt schalte ich die Außenmikrofone ein und lausche den Stimmen.

»Lasset uns einen Kreis bilden. Einen Sonnenkreis, damit die liebe, suuuper Sonne* immer höher steigt und es wärmer und wärmer wird«, säuselt es von der sofetischen Vorsängerin.
Mit unnatürlich grinsenden Gesichtszügen folgt von den anderen das Echo der Worte. Voller Entsetzen beobachte ich weiter, was geschieht.
Die Miene der sofetischen Vorrednerin wird plötzlich ernst.
»Wir wissen, dass wir im Stehen nur ganz wenig der tollen, supertollen Sonnenstrahlen abbekommen, nicht wahr?« Die Vorrednerin sonnt sich im Glanz ihres hart erarbeiteten Grundschulhalbwissens. Sie ist gezwungen, einzuschreiten, als einige aus dem Sonnenkreis reflexartig ausbrechen und sich hinlegen, um die klassische „Frankfurter Mädchen“-Sonnenbratstellung einzunehmen. »Nein, nein, meine lieben Sonnenfreunde, was bekommt trotzdem keinerlei Strahlen der suuuper Sonne* ab, selbst in unserer Lieblingslage am Boden?« Stolz auf ein exklusives Wissen, das sie mit niemandem teilt, blickt sie auffordernd jeden Sofeten an.

Debilenübung für fortgeschrittene Sofeten: Fußsohlenbräunung ohne Wirkung.
Debilenübung für fortgeschrittene Sofeten: Fußsohlenbräunung ohne Wirkung.

Als niemand antwortet verkündet sie auf den Zehenspitzen hüpfend und kieksend die Lösung. »Die Fußsohlen, meine Sonnenfreunde! Die Fußsohlen müssen auch gebräunt werden, sonst werden sie als einzige von den Sonnenstrahlen der suuuperlieben Sonne nicht geküsst.«

Mir wird mittlerweile speiübel, aber wie bei einem Verkehrsunfall zwingt mich etwas, trotzdem weiter zu beobachten. Die Sofeten folgen nun ihrer Sektenanführerin und setzen sich auf den Boden. Siebzehn Fußpaare recken sich in Richtung Sonne empor.
»Höher, höher! Zur suuupertollen Sonne empor!«, kreischt die Vorrednerin ekstatisch und benebelt von UV-Wahnsinn.
Meine Übelkeit wird übermächtig, als ich feststelle, dass die Sofeten nicht einmal bemerken, dass die Schuhe den erhofften Fäkalienfärbungseffekt der Fußsohlen verhindern.
Ein erster Beweis für die wahren Verursacher und Befürworter der Klimakatastrophe und Vernichtung der Menschheit ist gefunden! Entschlossen schalte ich die Außenlautsprecher auf Empfang und lasse Gewittergrollen ertönen, bevor meine Übelkeit übermächtig wird. Ein zweiter Schalterklick und die Ansaugturbine filtert etwas Wasser aus der Luft, das es hier tatsächlich noch gibt! Ich lasse einige Tropfen auf den Sofetenkreis herabregnen.
Die Wirkung ist enorm: Grauen und Panik bricht aus, der Sonnenkreis zerfasert, als die Sofeten panisch mit Schreien „Gewitter! Gewitter!“ nach Deckung und Regenschutz* hechten und sich dabei über den Haufen rennen.
Ich schmunzle und schwebe wieder davon in der Gewissheit, der Menschheit meiner Zeit nachträglich einen kleinen Rachedienst erwiesen zu haben.




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Verkaufsschlager: Sofetisches Mutanten-T-Shirt* für den Sommer.