Alle jubeln über den Sommer. Wir auch.

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Endlich ist der Sommer da. Pure Begeisterung.
Endlich ist der Sommer da. Pure Begeisterung.

Die Boulevardzeitungen und -portale überschlagen sich vor ekstatischen Juchzern: Endlich ist der Sommer da! In klimaanlagengekühlten* Redaktionen und Radiosendern schreiben Redakteure fleißig und „Wettermoderatorinnen“ faseln über die 20 Grad höheren Temperaturen draußen.

Zeit, in die Jubelorgien mit einzustimmen.

Beruf mit Perspektive in der Klimakatastrophe: Bestatter. © <a href="https://www.flickr.com/photos/mein-halle/6285394019/" target="_blank" rel="noopener">Hallenser auf www.flickr.com</a>, Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/" target="_blank" rel="noopener">CC BY 2.0</a>, hier: Ausschnitt genommen.
Beruf mit Perspektive in der Klimakatastrophe: Bestatter. © Hallenser auf www.flickr.com, Lizenz: CC BY 2.0, hier: Ausschnitt genommen.

Hurra, es ist Sommer

Endlich wieder Vollbeschäftigung für Ärzte! Die Mediziner reiben sich die Hände. Im oft mäßig verlaufenden Sommer brechen die Praxen schier aus allen Nähten, weil bei klimakatastrophischen Temperaturen die an Indien erinnern, ab dem Lebensalter 25 alle Arten von Menschen wegen Sonnenstich und Kreislaufkollaps zum Arzt müssen. Das tut dem von der Gesundheitsreform gebeutelten Medizinersäckel gut.
Auch der Bestatter freut sich. Früher waren die „Kunden“ über das ganze Jahr gleichmäßig verteilt, doch der Sommer wird immer mehr zu einer Goldgrube wie im Mittelalter die Epoche des Schwarzen Tods. Reihenweise rafft es vor allem alte und kranke Menschen dahin, aber allmählich gesellen sich auch jüngere Menschen dazu. Bestatter – der Beruf der Klimakatastrophenzukunft, auch weil Leichen kühl* gelagert werden müssen (klingelt’s jetzt?).

Krankenwagen, die Hitzekollabierte ins Krankenhaus (oder gleich zum Bestatter, siehe oben) fahren, sind die einzigen, wenn auch häufigen Momente, wo eine Fahrtwindbrise den Backofen unterbricht. Aus diesem Grunde säumen sich an den Straßen oft die Hitzegeplagten ohne Klimaanlage, um für einen Moment etwas Wind zu bekommen. In bestimmten kleineren Ortschaften haben findige Leute über das Internet ein Alarmsystem sich ausgedacht und man sieht bereits Minuten vor der Durchfahrt des Krankenwagens durch die einzige Dorfstraße, wie Menschen zum Straßenrand schlurfen, um mit ausgezehrten Gesichtern einen Hauch von Wind zu erhalten.

"Komm mit in das herrliche Wetter, Sommer ist Leben". Ja, man siehts.
„Komm mit in das herrliche Wetter*, Sommer ist Leben“. Ja, man siehts.

Hurra, Hitze und Dummheit reichen sich die Hände!

Endlich wird man ungefragt wieder von einer Gruppe Menschen in die Hitze und gnadenlose Sonne* gezerrt, die sich im Winter bei immer noch warmen, aber angenehmen Temperaturen verstört an die Heizung klammern und im Sommer Hitzeselbstmord auf Raten betreiben. In einem Massenselbstversuch versucht diese Gattung durch stundenlange Dehydrierung und UV-Verseuchung sich selbst auszurotten. Leider schlägt der Versuch jedes Jahr fehl, da sich die UV-Verseuchung erst mit den Jahrzehnten auswirkt.
Diese mittlerweile vom Homo sapiens abzugrenzende Spezies, weil sie mit einem verdorrten Gehirn nicht mehr als „wissend“ bezeichnet werden kann, wird von Anthropologen „Homo sofensis“ genannt – der „sommerfetischistische Mensch“ und gilt als zukunftsweisend in der Welt der Klimakatastrophe. Politiker begrüßen diese Entwicklung – ist der Homo sofensis aufgrund des sehr niedrigen IQs mit nicht vorhandenem Reflektionsvermögen doch ein idealer Wähler und auch Anthropologen vermuten, dass er die Menschheit auf lange Sicht ablösen könnte. Mit dem einzigen Interesse, in der Sonne* zu braten, gibt es auch keine Weiterentwicklung und keine Kriege. Der Erde blüht also ein 365-Tage-Sommer mit bewegungslos in Frankfurter-Mädchen-Stellung liegenden Homo sofensis-Exemplaren.
Außerirdische* werden zum Planeten Erde zurückkehren, sich die Lage besehen und abwinken. „Zu primitiv, zu sinnlos, ohne Zukunft“ werden sie sagen und die Erde aus der Liste lohnenswerter Ziele im Universum streichen. Immerhin hören dann auch die Entführungsbelästigungen auf, die allmählich zur Plage wurden.

So haben Wissenschaftler herausgefunden, dass pro Grad Temperatur über 20 Grad der IQ um 3 Punkte sinkt (außer beim Homo sofensis, wo er stabil bei etwa 50 stagniert). Endlich wieder die Erfahrung machen, wie sich Dummheit anfühlt! Es heißt nicht zu Unrecht, dass man als dummer Mensch glücklicher ist. Man macht sich keine Sorgen mehr über die politische Lage, man versteht logische Zusammenhänge nicht mehr und wo früher das Leben und Universum eine ästhetische Komposition aus Wundern war, herrscht nur noch ein Kloakenloch umfassenden Nichtwissens. So versteht man ungewollt den Homo sofensis auch etwas besser.

Früher war man verunsichert über die Selbstfindung im Leben. Japanisch lernen? Sich mit Quantenphysik beschäftigen? Doch endlich einmal sich meteorologisch weiterbilden und einige Fachbücher über die Stratosphäre und ihre Geschichte antun? Alles vorbei mit der intellektuellen Verwirrung, denn endlich hat man nur noch ein einziges Ziel im Leben! Kühle* zu finden. Egal wo. Vierundzwanzig Stunden am Tag für Wochen und Monate dreht sich alles nur noch um Kühle, Eis, Erleichterung, während man schweißtriefend und mit Kreislaufschädigung umhertaumelt.

Maßband mit Tageszahlen zum Herunterzählen der Sommertage, hier von 2014 mit 365 Sommertagen, die man am Ende überlebt hat. © <a href="https://www.flickr.com/photos/spdnds/6748851755/" target="_blank" rel="noopener">SPD in Niedersachsen auf www.flickr.com</a>, Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/" target="_blank" rel="noopener">CC BY SA 2.0</a>, hier: Ausschnitt genommen.
Maßband mit Tageszahlen zum Herunterzählen der Sommertage, hier von 2014 mit 365 Sommertagen, die man am Ende überlebt hat. © SPD in Niedersachsen auf www.flickr.com, Lizenz: CC BY SA 2.0, hier: Ausschnitt genommen.

Bundeswehrerfahrene Männer frischen ihre Erinnerungen auf. Damals war es üblich, die Leidenszeit bei der Bundeswehr mit einem Abgänger-Maßband* zu messen. 1 cm abschneiden pro Tag. Nun wird das gleiche Prinzip, was damals psychologisch Wunder wirkte, auch beim Sommer angewandt. Leider ist der Sommer länger und qualvoller als die Bundeswehr. Der kluge Mensch hat damit bereits im April angefangen und wird Ende November am Ende der 2,45 m-Rolle angelangt sein. Verzweifelte schneiden drei Mal am Tag etwas ab, haben aber Probleme, die 15 kg-Rolle bei sich zu tragen.

Endlich wieder Diäten! Denn bei der Gluthölle schmeckt nun wirklich kein vernünftiges Essen mehr. Man lutscht deprimiert auf Obst herum, das zu allem Überfluss von sommerfetischistischen Tropensiffinseln stammt. Eis ist auch willkommen, doch der bittere Beigeschmack fällt schwer, ist es doch ein Symbol für den Homo Sofensis, der selbst auf 70-Grad-Backofenterrassen täglich zwei Mal Grillorgien abhält, bis er sich dem auf dem Grill verformenden Schweinebauch optisch angepasst hat.

Hurra, endlich wieder externe Lärmstimuli!

Endlich wieder Aufregung im Leben! Angesichts eines rund um die Uhr*-Lärmfaktors. Im Winter genoss man noch die subtile Komposition eines Ludwig van Beethoven, jetzt wird man ungefragt von den Homo sofensis-Nachbarn mit Primitivmusik beschallt: Von jüngeren Sofeten-Exemplaren mit Bässen, deren Rhythmus das Sofeten-Restgehirn im leeren Schädel wie in einem Knobelbecher auf und ab hüpfen lässt. Von älteren Exemplaren mit Pseudomusik von Jürgen Drews, den diese für einen „gutaussehenden, jungen Musiker“ halten, der rund um die Uhr in umfassendem debilen Wahnsinn von Sonne* und Sommer singt. Leider sieht die Realität anders aus, denn er ist inzwischen ein alternder, von Dauersonne lederhäutig gegerbter Sack mit dem Gehirn einer Drossel. Aber Gleich und Gleich gesellt sich in der Musik auch gern.

Sommer als Trauma: Macht der Gartennazi Pause? Ist der Sysiphushandwerker fertig? Hört die Jürgen Drews-Musikfolter auf?
Sommer als Trauma: Macht der Gartennazi Pause? Ist der Sysiphushandwerker fertig? Hört die Jürgen Drews-Musikfolter auf?

Wenn die Musik kurzfristig aufhört, fangen dann die Gartennazis ihr Werk an und wechseln sich dabei fleißig ab. Ein Nachbar mäht 4 Stunden lang den 10 Quadratmeter großen Rasen mit einem Industrierasenmäher bei 80 Dezibel-Kampfjetlärm, der zweite Nachbar schließt sich als Sysiphus-Handwerker mit dem Bau seines Phantomhauses an und nutzt eine Kreissäge, wie sie zum Zerteilen von Flugzeugträgern im Trockendock verwendet wird. Wenn der Lärm, der selbst durch Ohropax-Wachskugeln* dringt, für 15 Minuten ruht und man angstvoll zitternd es wagt, ein Ohr wieder mit dem Spachtel freizuräumen, stößt der dritte Nachbar in diese Hoffnung hinein, weil er mit dem Bohrhammer die Terrasse aufreißt – stimmt, er wollte ja im Sommer neue Terrakottaheizfliesen für die täglichen Grillneurosen verlegen, damit die unangenehme 50-Grad-Kühle unter den Füßen verschwindet und den unter Sommerfetischisten üblichen 70 bis 80 Grad Platz macht.
Und wenn man dann in der Nacht erschöpft von Lärm und Hitze ins Tropenbett sinkt und unter dem gepimpten Deckenventilator* mit der Geschwindigkeit eines Kampfhubschraubers im Gefecht liegt, wird einem bewusst, dass mindestens zwei Nachbarn ihre täglichen Familienfeiern bis 3 Uhr nachts oder länger ausdehnen. Mit schockgeweiteten Augen liegt man im Bett und erfährt in der fehlenden Stille der Nacht ungewollt von Tante Friedas Hornhautproblemen, erleidet schlechte Witze, das quakende Lachen von Menschen die eine so angenehme Stimme wie ein krepierender Aasgeier aufweisen und man wünscht sich für einen Moment tatsächlich, dass sie die grauenhafte WDR4-Musik lauter stellen, bevor man sich im Bett übergibt und erfolglos die Polizei anschließend kontaktiert.

Endlich wieder Sommer. Endlich Folter. Endlich wieder tägliche Qualen, gegenüber denen ein Aufenthalt in einem nordkoreanischen Arbeitslager wie ein Erholungsurlaub anmutet.
Zwischen Lärm- und Hitzefolter habe ich heute heimlich authentische Regen- und Donnergeräusche mit der Stereoanlage auf dem Balkon im ersten Stock auf den grillenden Nachbarn angewendet und sah mit einem Kichern, wie Sofeten erstarrten, alle zum Himmel blickten und panisch ihre Schweinebäuche einpackten und ins Haus flüchteten.

Endlich Sommer und die Garantie, dass durch aufhäufendes Leid der Herbst und Winter ein Ausmaß an Erlöserqualitäten gewinnen, dass nicht einmal Jesus Christus damit auch nur annähernd mithalten könnte.




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