365 Tage 7:1 – Göttliche Komödie und Höllenmarsch

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Blicke wie Ziegelsteine. Oh, wie war das schön! © Agência Brasil auf commons.wikimedia.org, Lizenz: CC BY 3.0

Szenen, die man nicht vergisst. Jubelnde Deutsche. Immer wieder jubelnde Deutsche. Kniende und flennende Brasilianer.
Genau ein Jahr nach der Schlacht von Mineiraço und dem 1:7 spricht Brasiliens Dante immer noch mit leerem Blick von dem Gemetzel. Beinahe wirkt es, als habe Gott sie alle vorherbestimmt, unterzugehen und sie zu strafen, sagt der Mann mit dem passenden Namen. Für die einen war es eine Göttliche Komödie, für die anderen der Marsch in die Hölle.

Tatsächlich wird man bei den Zeichen nachdenklich. Nicht nur, dass Dante seinen Namen präkognitiv lange vor dem 1:7 im Mineiraço wählte, nein, was lesen wir in Kapitel 7, Absatz 1 der „Göttlichen Komödie“ seines berühmten Namensvetters Dante?

„Bei Rückkehr der Erinn’rung, die sich schloss
Vor Mitleid um die zwei, das so mich quälte,
Dass das Bewusstsein mir vor Schmerz zerfloss“.

Fred, der Stürmer mit dem ebenso passenden Namen des trotteligen Hauptes der Familie Feuerstein, wirkt genauso apathisch wie damals auf dem Spielfeld, als er vergeblich nach Wilma rief und angesichts sich nahender Bälle zur Salzsäule erstarrte. Vor seinem inneren Auge laufen immer wieder die 90 Minuten ab, während er sieben Mal zusammenzuckt und epileptische Anfälle bekommt, die ihn seltsam hyperaktiv wirken lassen.
„Es war, als läge man im Sterben und sehe seinen Lebensfilm vor den Augen ablaufen“, sagt er. Einem Lebensfilm, der auf 90 brutale Minuten reduziert wurde.

Andere Versehrte zucken bei diesen Worten zusammen. Der Trainer Luis Felipe Scolari blickt mit weit aufgerissenen Augen an die Wand und sieht Dinge, die nur er erkennt, während ihm unbemerkt ein Speichelfaden aus dem Mund tropft. Immer wieder verkrampfen sich seine Hände, bis die Finger einer Hand sich strecken und zwei Finger der anderen Hand dazu. Zitternd reckt er sieben Finger hoch, erwacht kurz aus seiner eigenen Welt, starrt auf seine Finger und schreit für eine Weile, bis die Pfleger ihn beruhigen.

Ein brasilianischer Spieler namens Hulk hat seit dem Spiel vor einem Jahr eine grüne Gesichtsfarbe und Übelkeitsanfälle, sobald er Sauerkraut sieht. Weder er konnte die deutschen Maschinen stoppen noch der kleine David (Luiz), der immer noch wie vor einem Jahr pausenlos flennt und wegen einer mittlerweile chronischen Dehydrierung rund um die Uhr betreut werden muss.

Für die Deutschen eine göttliche Komödie, für die Brasilianer "Mitten-in-die-Fresse-Fußball", © <a href=""https://www.flickr.com/photos/tc57/6254950340/" target="_blank" rel="noopener">·tlc∙ auf www.flickr.com</a>, Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/" target="_blank" rel="noopener">CC BY 2.0</a>
Für die Deutschen eine göttliche Komödie, für die Brasilianer „Mitten-in-die-Fresse-Fußball*“, © ·tlc∙ auf www.flickr.com, Lizenz: CC BY 2.0

Beileidsbekundungen aus aller Welt treffen ein und gedenken des Massakers durch die Deutschen. Ein Weltkriegsveteran wird im Interview zitiert: „Die Deutschen können nicht anders. Es ist ihre Art. Selbst wenn man sie zähmt und sie das demütige Niederknien vor den Griechen lehrt – sie finden immer einen Weg, um Massaker anzurichten.“

Der brasilianische Fußball* hingegen ist immerhin auf dem Weg der Besserung. Ein 1:7 hat es seitdem nicht mehr gegeben. Das erst im Elfmeterschießen verlorene Spiel gegen Paraguay bei der jüngst ausgespielten Copa America wurde in Brasilien wie ein Sieg gefeiert. Ein Freundschaftsspiel gegen Deutschland wurde allerdings umgehend abgesagt. Bei der Erwähnung der Deutschen geht ein Zittern durch die Reihen der Mineiraço-Veteranen und es raschelt beängstigend im Presseraum.

Man übertreibt nicht, wenn man resümiert, dass Deutschlands Fußballmaschinen die Leichtigkeit und Freude des brasilianischen Fußballs unwiderbringlich zertrümmert haben:




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